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Ausblick auf ein Teil Seouls von der Stadtmauer (Foto:EMS/Schmegner)
Ausblick auf ein Teil Seouls von der Stadtmauer (Foto:EMS/Schmegner)
08. Februar 2020

Heutige Herausforderungen junger Leute in Korea

Annika

Annika

Südkorea
unterstützt die kirchliche Jugend- und Gemeindearbeit
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Hallo meine Lieben,

passend zu meinem letzten Beitrag, indem ich über den Gottesdienst in Korea und über den Glauben im Alltag geschrieben habe, werde ich nun einen Beitrag über die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die viele Jugendliche in den Kirchen und in der Gesellschaft in Korea begegnen. Dabei habe ich meine Quellen unter anderem aus dem NEAC (Northeast Asian Council)  Programm bei dem sich junge Repräsentanten aus Hongkong, Japan, Südkorea und Taiwan in Südkorea getroffen haben und es zu jedem Land ein Länderreport gab. Zusätzlich hatte ich noch die Chance mit Freunden über die Herausforderungen hier zu reden und mir auch ihre persönliche Erfahrungen anzuhören.

Ganz ähnlich wie in Deutschland  gehen auch immer weniger Jugendliche heutzutage in Korea in die Kirche.

Ein Grund, welcher mir auch aus Deutschland bekannt ist, ist  dass man sich wünscht mehr auf die Jugend und die Themen die sie beschäftigt einzugehen. Da es hier allerdings das Hierarchieprinzip der Älteren gibt, ist dieser Wunsch in Korea ein wenig drängender. Der Konflikt beziehungsweise die Kluft zwischen der älteren und jüngeren Generation macht einigen Jungen Leute hier sehr zu schaffen. Sie trauen sich aufgrund des Respekts den sie gegenüber den Älteren vorweisen müssen nicht zu sagen was sie denken und haben das Gefühl nicht gehört zu werden. Dabei gibt es sehr große Unterschiede zwischen den Generationen. Während die ältere Generation größtenteils noch eher konservativer Tendenzen hat, haben viele jüngere Leute eine offenere Denkweise. Dadurch kommt es auch ab und zu vor, dass Theologiestudenten freiwillig (manchmal leider auch unfreiwillig) ihre Universität verlassen, weil sie nicht die gleichen Vorstellungen vertreten. Eine interessante Frage zu diesem Thema, welche bei dem Vortag gestellt wurde, ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen: „Wenn es keine Gerechtigkeit innerhalb der Kirche gibt, wo sonst?“

Dazu kommt, dass oftmals die ganze Arbeit an den jungen Leuten hängen bleibt. Wie mir auch selber schon aufgefallen ist, müssen einige meiner Freunde zum Teil bis spät in die Nacht auf Abruf bereit stehen und  der Gottesdienst ist nicht mehr wirklich zu genießen, da sie nur am hin und her rennen sind um noch die letzten Vorbereitungen zu treffen.  Erwachsene halten diese Arbeitseinstellung für selbstverständlich, sie nennen es „Hingabe“. Doch für einige ist das zu viel und sie wollen sich dann  lieber gar nicht an den Kirchenaufgaben beteiligen, weil das meistens in einem Haufen an anderen Aufgaben endet. Eine weitere Interessante Frage, die dazu gestellt wurde:  „Habe ich einen schlechten Glaube, wenn ich nicht so viel arbeiten möchte? Darf ich mich überhaupt beschweren?“

Diese Arbeitseinstellung ist allerdings nicht nur in der Kirche üblich, sondern auch generell in der koreanischen Gesellschaft bekannt. Seit sie Kinder sind begegnen Koreaner sehr viel Leistungsdruck. Von einem sehr guten Highschool Abschluss, zu einem tollen Universitätsplatz bis zu einem sicheren Job wird alles verlangt. Dann gilt es, diesen schwer ergatterten Job nicht zu verlieren. Doch die Arbeitswelt ist hier alles andere als einfach, wie mir gesagt wurde. Der Job ist oftmals sehr hart und mit sehr langen Arbeitsstunden verbunden. Oftmals ist der verdienst für diese Bedingungen nicht gut genug. Aber auch sexuelle Belästigung von Frauen spielt oftmals eine Rolle. Generell kann man noch ein sehr starkes Geschlechter Ungleichgewicht erkennen, sowohl in den Positionen (zum Beispiel sind kirchliche Mitarbeiter einer hohen Position meistens Männer) aber auch im Verdienst spiegelt sich das Ungleichgewicht wieder.

Auch in Korea wird  von der Kirche eine Art Kirchensteuer verlangt. Doch viele Junge Leute haben heutzutage finanzielle Schwierigkeiten. Neben dem Fakt das es immer schwieriger wird einen guten Job zu bekommen, steigen die Mietpreise zum Beispiel in Seoul immer weiter an und machen es sehr schwierig eine Unterkunft zu finden. Zudem kommen noch die Studiengebühren hinzu, welche auch erstmal einen Berg von Schulden hinterlassen. Diese Generation ist die erste Generation die ärmer als ihre Eltern ist. Eine Bekannte, welche gerade genau in dieser Situation steckt, meinte dass durch diesen Unterschied viele ältere ihre Lage nicht nachvollziehen können und die Kirche auch nicht als Stütze dient und Verständnis zeigt. Sie stellte mir die Frage: „Wo sonst soll ich nach Unterstützung und Verständnis suchen als in der Kirche, wo doch das ein Teil des Christentum ist?“

Dazu kommt natürlich auch, dass all diese Schwierigkeiten mit einer extremen psychischen Belastung einhergehen und soweit ich das hier mitbekommen habe, ist gerade die mentale Gesundheit eher weniger ein Thema, welches man in der Gesellschaft anspricht. Es ist ein gemiedenes Thema in einem Land, welches eine sehr hohe Suizidrate hat.

Ein weiterer eher umstrittener Punkt in der Gesellschaft ist die Vereinigung von Nord- und Südkorea. Noch immer sehnt sich der Großteil nach einer Wiedervereinigung und möchte endlich, dass sich die Situation, welche nun schon seit Jahren so anhält, regelt. Es ist nicht nur auf einer emotionalen Ebene unglaublich wichtig zum Beispiel aufgrund der Familien Zusammenführung, sondern auch aus der wirtschaftlichen, politischen und humanitären Perspektive sehen viele ein Vorteil bei einer Wiedervereinigung.                                                             

Gleichzeit wurde allerdings auch berichtet, dass gerade jungen Leute ein Wiedervereinigung nicht mehr so wichtig ist. Sie haben keinen wirklichen Bezugspunkt mehr zu Nordkorea, denn sie sind nach der Teilung geboren und kennen ein vereinigtes Korea nur aus den Geschichtsbüchern. Und das Wissen, dass Nordkorea eine ständige Bedrohung für Südkorea schon für so viele Jahre ist, hat den Drang nach Vereinigung bei vielen geschwächt und sie sehen die beiden Länder als getrennte, verschiedene Länder, welche nichts gemeinsam haben.

Ich hoffe ich konnte euch einen guten Einblick in die Herausforderungen und Schwierigkeiten der Jungen Leuten in Korea geben.

Viele Grüße aus Seoul,

Annika

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